BOSNISCHE KINDER

VANJA D.

Sarajevo

Vanja ist heute 18 Jahre alt. Bei Kriegsausbruch war der Junge 6 Jahre alt. Sein Vater kämpfte als Soldat in der muslimisch dominierten Armee von Bosnien und Herzegowina, obwohl er kein Muslim ist. Das führte für den Vater und die gesamte Familie zu großen Problemen.

  • Während sein Vater an den Frontlinien von Sarajevo kämpfte, wurde Vanja und seine Mutter gefangen genommen und zusammen mit anderen Gefangenen als lebendes Schutzschild zur Verteidigung der Stadt missbraucht.
  • Während Vanja mit einem Autobus durch Sarajevo fuhr, wurde der Mann, der ihm gegenüber saß, von einem Scharfschützen durch einen Kopfschuss ermordet.
  • Kurz nach Kriegsende musste er mit ansehen, wie sich ein Selbstmordattentäter im Schulhof mit einer Bombe in die Luft sprengte.
  • Immer wieder wurde er von muslimischen Klassenkameraden während des Krieges in der Schule diskriminiert und geschlagen.

Diese schweren traumatischen Erlebnisse und der posttraumatische Stress beeinflussen das Leben des jungen Mannes auch heute noch sehr stark.

Vanja wurde von seinem Schulpädagogen auf die Arbeit von Wings of Hope aufmerksam gemacht. Er kam in unser Zentrum für psycho-soziale Unterstützung nach Sarajevo, um sich Hilfe zu suchen.

  • Er leidet unter aggressivem Verhalten (verbal und physisch) und kämpft ständig mit seinen Kameraden in der Schule.
  • Er ist nervös und ruhelos.
  • Er unterbricht häufig die Lehrer und fühlt sich ungerecht behandelt.
  • Seine schulischen Leistungen sind, bedingt durch die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, sehr schlecht.

Behandlungsplan

  • Thematische Gruppenarbeit in einer gemischt ethnischen Therapiegruppe, um zu lernen, mit Gleichaltrigen anderer Volksgruppen vertrauensvolle Kontakte aufzubauen.
  • Unterstützungsgruppe mit speziellen Konzentrationsübungen und Lernprogrammen, um schulische Defizite abzubauen.
  • Individuelle Therapie mit Reprozessierungstechniken, um posttraumatische Belastungsstörungen abzubauen.

ADISA J.

Srebrenica

Adisa ist 14 Jahre alt und hat im Krieg den Vater, drei Onkel, den Großvater und die Großmutter verloren.

Adisa lebte als Kleinkind in Srebrenica unter ständiger Lebensgefahr. Ihr Ort wurde jahrelang "granatiert" und von Scharfschützen belagert und beschossen. Sie erlebte mit, wie die frühere "UN-Schutzzone" von niederländischen Blauhelmsoldaten an den General der bosnischen Serben Ratko Mladic kampflos übergeben wurde. Die Großmutter war kurz vor der Übergabe ihrer Heimatstadt von einem Scharfschützen erschossen worden. Der Vater, der Großvater und drei Onkel wurden zwangsweise von der Mutter und dem Kind getrennt und im Massaker von Srebrenica hingerichtet. Die Mutter und die kleine Adisa wurden in den Kanton Tuzla deportiert.

Seit 8 Jahren leben sie und ihre Mutter als sogenannte "Binnen"-Flüchtlinge im eigenen Land, bisher in sieben verschiedenen Unterkünften, in den letzten zwei Jahren im Flüchtlingslager Mihatovici im Kanton Tuzla. Die soziale Situation ist bis heute äußerst schlecht und armselig.

  • Adisa ist hyperaktiv und zeigt ein sehr aggressives Verhalten. Sie kämpft oft mit anderen Kindern.
  • Sie versucht durch ihr Verhalten Aufmerksamkeit zu erhalten. In der Schule im Flüchtlingslager stört sie häufig den Unterricht.
  • Sie kann sich sehr schlecht konzentrieren, und es fällt ihr ausgesprochen schwer, ihre Aufmerksamkeit auf den Unterrichtsstoff zu lenken. Sie hat deshalb sehr schlechte Noten.
  • Sie ist sehr isoliert von den anderen Kindern.

Adisa wurde von der Schulpädagogin an die therapeutische Unterstützungsgruppe von "Wings of Hope" für traumatisierte Kinder im Flüchtlingslager Mihatovici überwiesen.

  • Sie geht gerne zur Gruppe.
  • In der ersten Phase der Behandlung geht es, neben Anamnese und Diagnose, den Therapeutinnen darum, sie in die Gruppe zu integrieren.
  • Sie lernt vertrauensvoll auf andere Kinder zuzugehen und sich einzufügen.
  • Sie lernt durch köperorientierte Sporttherapie, mit ihren Aggressionen anders umzugehen.
  • Sie erhält Aufmerksamkeit und Verständnis.
  • Sie lernt ihre Symptome zu verstehen als normales (aber nicht akzeptables) Verhalten auf schreckliche und unnormale Erlebnisse, denen sie als Kind ausgesetzt war.

NIKOLINA A.

Sarajevo

Nikolina ist 19 Jahre alt und wurde von der Schulpädagogin auf die Arbeit unseres Zentrums in Sarajevo aufmerksam gemacht. Am Anfang der Arbeit mit ihr ging es um Krisenintervention, weil sie an diesem Tag einen "Anfall" hatte. Diese so genannten Anfälle äußern sich bei Nikolina darin, dass sie in Ohnmacht fällt und aufhört zu atmen, manchmal bis zu 30 Sekunden lang. Nach diesen Anfällen, die nicht auf Epilepsie zurückzuführen sind, hat sie bis zu 24 Stunden andauernde, sich aufdrängende Vorstellungen (Imaginationen), die unmittelbar verbunden sind mit traumatischen Erlebnissen. Nikolina kann sich aber an diese traumatischen Erlebnisse nicht erinnern. Nur Fragmente dieser Erlebnisse, die mit dem Ausrottungskrieg gegen die Zivilbevölkerung in Sarajevo, mit einer abenteuerlichen und gefährlichen Flucht aus der belagerten Stadt und dem Überleben als Flüchtling im benachbarten Ausland bei Verwandten zusammenhängen, sind Nikolina bewusst.

Diese Fragmente werden in bestimmten Situationen bei Nikolina "angetriggert" und dann erscheint es der Jugendlichen so, als würde alles wieder "gerade eben" geschehen. Die Auslöser für den letzten "Anfall" war ein Konflikt mit einem Lehrer in der Schule.

Nikolina befindet sich in der Gruppentherapie (Unterstützungsgruppe) und in Einzeltherapie.

  • Es geht im Rahmen ihres Behandlungsplanes darum, sie zuerst zu stabilisieren.
  • Sie erlernt Imaginationsübungen, mit deren Hilfe sie als Gegengewicht zu den Schreckensbildern, die sie peinigen und über die sie noch nicht reden kann, positive innere Bilder setzen kann.
  • Sie lernt, sich von den Schreckensbildern innerlich zu distanzieren und sie lernt in Momenten großer Panik, sichere Orte in sich selbst zu aufzusuchen, die sie als sichere innere Fluchtorte installiert hat, um neuen lebensbedrohlichen Ohnmachtsanfällen vorzubeugen.

Kinder in Sarajevo Kinder in Sarajevo