METHODEN

Zur Methodik der traumatherapeutischen Arbeit in den Projektländern

Wir arbeiten mit Kindern und Jugendlichen auf der Grundlage der vierphasigen Traumatherapie, die wir vom Zentrum für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen (ZPTN), unter Leitung von Herrn Facharzt Dr. Lutz Ulrich Besser, vermittelt bekamen:

  • Vom Zwang des Vergessens,
    (man kann nicht leben nach soviel Tod)
  • der Sprachlosigkeit
    (Verstummen im Angesicht des Schreckens, Depressionen, Dissoziationen
  • und der Wiederholung
    (Intrusionen, Flashbacks, Albträume, Panikattacken, Zwanghaftes Erinnern/Hyperamnesien)
  • zum heilsamen Erinnern
    (durch Reintegration fragmentiert gespeicherter Sinneseindrücke zur Angst- und Symptomreduktion)

Techniken

Verhaltenstherapie, Desensitization-Therapie, Screen-/ Bildschirmtechnik, EMDR, Ressourcenaufbau durch Sport, Erlebnis und Abenteuer, Kunst, ...

  1. Phase: Anamnese, Diagnostik, Beziehungsaufbau, Instruktion
  2. Phase: Stabilisierung, Vorbereitung, Ressourcenmobilisation
  3. Phase: Traumaexposition, Traumasynthese
  4. Phase: Trauer/Neuanfang

Es ist ein langwieriger Prozess, Traumata zu bearbeiten. Dabei ist es auch für die Therapeutinnen und Therapeuten schwierig, täglich neue schreckliche Erlebnisse zu hören. Zentral ist uns die Empathie, die Einfühlung in die Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen. Daneben wenden wir wissenschaftliche Therapiemethodik an, soweit wir sie für die professionelle Betreuung benötigen. Wir wollen Menschen so helfen, sich von ihren Symptomen zu befreien.

Wir wollen nicht akzeptieren, wenn Kinder unter Symptomen leiden, die ihren Ursprung in traumatischen Kriegserlebnissen haben. Oder in Erfahrungen von Unterdrückung, Embargo und Diktatur. Traumatisierte Kinder sind für uns keine akzeptablen "Kollateralschäden":

  • Kinder, die nicht mehr schlafen und essen können,
  • Kinder, die ihre Aggressionen nicht mehr beherrschen können,
  • Kinder, die unter unerklärlichen Schmerzen leiden,
  • Kinder, die die Freude am Leben verloren haben.

In unseren therapeutischen Gruppen für Kinder und Jugendliche bieten wir uns als zuverlässige Begleiter an, die den Kindern und Jugendlichen helfen, sich von den Symptomen zu befreien.

Stabilisieren heißt, die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen auch im Blick auf ihre familiäre und materielle Situation zu festigen. Stabilisieren heißt auch, die Kinder und Jugendlichen zu befähigen, wieder Beziehung eingehen zu können zu anderen Überlebenden, neue Freundschaften aufbauen zu können und die(Rest-)Familie neu schätzten zu lernen.

Ressourcen mobilisieren bedeutet, über schöne Erfahrungen (Sommer am Meer, gemeinsames Zeltlager, Begegnungen und Beziehungen über Volks- und Religionszugehörigkeit hinweg) eine neue positive Lebenseinstellung zu gewinnen. Geeignet sind auch angeleitete Imaginationsübungen, bei denen innere positive Bilder und Distanzierungstechniken entwickelt werden. Sie helfen, Distanz zu den alten Schreckensbildern aufzubauen. Darüber hinaus verstärken wir mit Abenteuer, Sport und Kunst, mit kulturellen Angeboten (Kino und Theater, Zoo und Zirkus,...) das neu gewonnene positive Lebensgefühl.

Opfer lernen sich als "Überlebenskünstler" zu begreifen

Kriegskinder sind "Überlebenskünstler", die eine Menge schultern müssen, aber auch große kreative Potentiale haben. Überlebende reagieren völlig normal auf völlig unnormale Situationen.

Überlebende erleben die Solidarität anderer Überlebender. Die Erfahrung, überlebt zu haben, überwindet in vielen Fällen die Erfahrung von gewaltsamer Teilung, von Intoleranz, Hass und Gewalt. Der Umgang der Überlebenden miteinander bedarf häufig keiner Worte, um sich gegenseitig zu verstehen.

Überlebende lernen, durch die bewusste Rückgewinnung ihrer unter Schuldvorwürfen und Selbstzweifeln verschütteten Ressourcen und durch gelenktes Reprozessieren traumatischer Erlebnisse, sich selbst zu achten, zu schätzen und zu lieben.

Wir bieten heilsame Rituale zum Trauern, Verabschieden und zum Neuanfang. Wenn ein Kind symptomfrei wird oder nur noch unter reduzierten Symptomen leidet, macht die Trauer der Freude Platz. Wir alle freuen uns dann mit dem Kind und seinen Angehörigen und feiern gemeinsam, dass seine Seele Flügel der Hoffnung bekommen hat!

Was wir gelernt haben

In der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen in Bosnien-Herzegowina und im Irak haben wir als Mitarbeitende von "Wings of Hope" gelernt, dass insbesondere traumatisierte Kinder und Jugendliche über große Selbstheilungskräfte verfügen. Mit großem Respekt vor diesen Selbstheilungskräften der Kinder, die es ihnen ermöglichen, das Grauen und die Schrecken der Vergangenheit zu überleben, gehen wir die therapeutische und pädagogische Beziehung zu ihnen ein.

Wir helfen den Kindern und Jugendlichen in der Therapie, eine innere Balance zwischen Schreckens- und Hoffnungsbildern zu finden. Damit nehmen sie etwas von dem auf, was Traumatisierte ohnehin häufig von sich aus versuchen. Sie bemühen sich, eine ganz und gar gute Welt zu erschaffen, allerdings in der Regel im "Außen" durch überzogene Erwartungen an Familie oder Staat - was naturgemäß scheitern muss. Im Inneren bleiben die Schreckenserinnerungen. Dieser Vorgang, der auch als "Spaltung" bezeichnet wird, ist durchaus nachvollziehbar. Die Mitarbeitenden von "Wings of Hope" versuchen dagegen, diese Sehnsucht nach der heilen, ungebrochenen Welt im Umkehrschluss durch eine Stärkung der "inneren" Hoffnungsbilder aufzufangen. Dies geschieht durch positive Gemeinschaftserfahrungen genauso wie durch die Einübung in spirituelle Schätze der verschiedenen religiösen Traditionen. So gefestigt können die Kinder dann mit der gebrochenen "Außenwelt" realistischer und gefestigter umgehen.

"Wings of Hope" betreut viele schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche, die sich mit ihren überlebenden (Rest-)Familien oder Verwandten noch immer auf der Flucht im eigenen Land befinden. Sie wissen nicht, ob sie in der Wohnung, in der sie heute leben, oder in der Stadt, in die sie sich geflüchtet haben, bleiben können. In diesen "Fällen" ist es nur sehr schwer möglich, den Kindern zu einer "heilsamen Begegnung" mit dem Trauma zu verhelfen. Es erscheint zu ungewiss, wie lange die Kinder in der Therapiegruppe bleiben können, um sich auf diesen langwierigen Prozess verantwortlich einzulassen.

Wir versuchen in diesen Fällen, die Kinder und Jugendlichen soweit wie möglich zu stabilisieren und stellen fest, dass schon dadurch bei vielen die Symptome fast vollständig oder ganz verschwinden. Die Kinder können z.B. wieder schlafen, ohne von Alpträumen geweckt zu werden, sie entwickeln wieder Appetit, sie sind wieder kontaktfreudig, können sich in der Schule wieder konzentrieren und leiden nicht mehr unter plötzlich auftretenden, nicht steuerbaren, schrecklichen Erinnerungsbildern.

Bei Kindern und Jugendlichen, deren äußere Situation durch eine relative soziale und familiäre Sicherheit gekennzeichnet ist und bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie über eine längere Zeitdauer in der Therapiegruppe (insbesondere in den Zentren) bleiben können, bieten wir die Phase der "heilsamen Begegnung" (Exposition) mit dem Trauma und die Phase der Integration (Trauern und Neubeginn) an, wenn es uns therapeutisch angeraten erscheint.

In allen Phasen ist das Kind oder der Jugendliche für uns ein voll respektiertes personales Gegenüber. Wir achten darauf, dass das Kind oder der Jugendliche in der Therapie immer die handelnde Person ist und die Kontrolle über alles behält, was geschieht. Geleitet werden wir dabei von der Erkenntnis, dass in traumatisierenden Situationen das Opfer einen völligen Kontrollverlust erleidet, der mit beängstigenden Ohnmachtsgefühlen verbunden ist.

Deshalb ist es das wichtigste Ziel unserer Traumatherapie, dass die Kinder und Jugendlichen wieder das Gefühl bekommen, Kontrolle über ihr Leben zu erlangen!

Vater und Sohn, Irak Vater und Sohn, Irak